Schnitzler: zum Schreien alt und einsam

20. Dezember 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Seit November gibt das Volkstheater Arthur Schnitzlers „Der einsame Weg“ – und ich hatte vor Kurzem die Möglichkeit vorbei zu schauen.

Erfreulicher Weise hat Ressigeur Alexander Nerlich darauf verzichtet, Schnitzlers Text zu verfälschen, eine leider aller Ortens übliche Praxis. Peter Turrini wäre höchst zufrieden. Ich bin höchst zufrieden! Danke Peter! Vielleicht haben wir das deiner Rede zu verdanken! Wer also Schnitzler hören will, wie er buchstäblich im Buche steht, der/die hat nun Gelegenheit dazu. (Für all diejenigen, die ihr Reclam gerade nicht griffbreit haben gibt es weiter unten eine kleine Zusammenfassung.)

Enttäuscht war ich dennoch. Der Text liest sich ruhig und traurig – auf der Bühne ist er laut und trashig. Sehr sehr laut. Muss denn jede Gefühlsregung – ist’s nun Wut, Freude, Trauer oder Sehnsucht – mit Gebrüll kund getan werden? Mehr als einmal bin ich unangenehm aufgeschreckt. Auch dann, wenn die Akteure auf die Bühne traten und erneut ein modisches Ungetüm zur Schau stellten. Die Kostüme hätten selbst in den 80ern als schrill gegolten.
Zwar waren keine Textverfälschungen zu bemerken, doch schmerzte mich die Verfremdung der Figuren – insbesondere Johannas. Ist sie im Text depressiv und ihre Beziehung zu von Sala eine still ergebene, ist sie auf der Bühne agressiv  und Sexgespieling von Salas. Muss eine Frau denn Augen verdrehend an den Fingern eines Mannes lutschen um jedermann verstehen zu geben, dass das was läuft? (Muss ich denn überall Herrn Lottmann bestätigt sehen?)

All dies ist angeblich notwendig um Schnitzlers Text aus „seinem verwunschenen Museum“ heraus zu führen. Welches Museum? Sind denn Alter, Einsamkeit und Tod  heutzutage keine Themen mehr? Hundert Jahre ist der Text schon alt und ist heute noch so aktuell, wie er wohl in hundert weiteren Jahren immer noch sein wird.

Von den darstellenden Künsten also eher unbedeindruckt, bleibe ich lieber bei meinem Reclam. Das schreit nicht so!

Kurzzusammenfassung: Vier Freunde und Künstlerkollegen mittleren Alters blicken reuevoll auf ihr Leben zurück. Keine ihrer vielen Beziehungen konnten sie halten. Nichts ist ihnen geblieben. Rücksichtslos suchen sie sich ein Stück Jugend zurück zu gewinnen. Gegen Tod und Egoismus kommen sie jedoch nicht an. Und so bleibt jedem nur der Freitod oder der einsame Weg ins Alter.

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