Die unsichtbaren Städte

26. Mai 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Marco Polo trifft auf seinen vielen Reisen auf Kublai Khan, der ihn sogleich als einen seiner Informanten und Berater einstellt. Der große Herrscher fürchtet um sein Reich. Er weiß, dass es sich im Laufe der Zeit so sehr ausgedehnt hat, dass er nicht mehr in der Lage ist, all seine Facetten, Probleme und Schätze zu kennen. Marco Polo wird schnell zum Lieblingsberichterstatter des Khans, auch wenn zu Beginn keiner der beiden Männer die Sprache des jeweils anderen spricht.

Wer sich von diesem Buch einen Plot verspricht, wird leider enttäuscht werden. Wie gut, dass ich bereits mit Calvino vertraut bin und wusste, was für eine Art Lektüre mich erwartet. Ich wurde keineswegs enttäuscht 🙂 Das Buch ist in neun Teile aufgebaut. In denjenigen Kapiteln, die keine Titel tragen, unterhalten sich Kublai Khan und Marco Polo. Jedes weitere Kapitel ist der Beschreibung einer Stadt gewidmet – häufig nicht länger als eine gehaltvolle Seite. Obwohl jedes Kapitel eine andere Stadt beschreibt, wiederholen sich die Titel, die sie tragen, in jedem Teil des Buches. So gibt es zum Beispiel mehrere Kapitel die „Die Städte und die Toten“ oder „Die Städte und der Himmel“ heißen.  Diese beiden sind auch meine beiden liebsten Kategorien.

Ich habe das Buch im Rahmen des bout of books read-a-thon gelesen und würde es jedenfalls nicht mehr unter Druck tun wollen. Dieses Buch verlangt ein langsames genussreiches Lesen. Die Stadtbeschreibungen wollen zum Nachdenken anregen. Da gibt es eine Stadt, die es unter sich im Erdreich ein zweites Mal gibt. In diese zweite Stadt, die eine exakte Kopie der ersten Stadt ist, bringen die Bewohner ihre Toten und platzieren sie so, als wären sie noch am Leben – in Cafes, im Bett, im Büro, bei der Gartenarbeit – eine direkte Spiegelung der Stadt der Lebenden.

Andere Beschreibungen lassen sich leicht mit modernen Städten der ersten Welt assoziieren:

Mehr noch als an den Dingen, die jeden Tag fabriziert, verkauft und gekauft werden, bemißt sicht Leonias [Anm. Name einer Stadt] Wohlstand an dem, was jeden Tag weggeworfen wird. S 119

Es gibt auch ganz herrliche Gedankenexperimente, wenn sich das Buch selbst aufzuheben scheint. Zum Beispiel beweisen sich Kublai Khan und Marco Polo im Gespräch gegenseitig, dass sie gar nicht exisitieren.

Wenn ich das Buch noch einmal lese – und ich habe vor, das zu tun – dann werde ich mich gewiss gegen eine lineare Leseweise entscheiden. Anstatt das Buch konventionell von Buchdeckel zu Buchdeckel durchzublättern, werde ich es statt dessen Kapitelweise durchgehen. Zum Beispiel werde ich mich erst allen Kapiteln, die sich „Die Städte und die Erinnerung“ nennen, widmen, dann werde ich an den Anfang zurück kehren und lese alle Kapitel „Die fortlaufenden Städte“ usw. Ich denke, dass man dadurch wieder einen völlig neuen Eindruck von dem Buch gewinnt – so wie der Eindruck von einer Stadt von der Erfahrung des Besuchers abhängt 🙂

In diesem Sinne noch ein Zitat:

„Ich rede und rede“, sagte Marco, “ aber wer mir zuhört, behält davon nur die Worte, die er erwartet.“ S 143

Calvino, Italo: Die unsichtbaren Städte. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuchverlag, 2013

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