Frühling auf dem Mond

5. Juni 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Der Frühling und der Mond hüpfen in letzter Zeit fröhlich durch mein Bücherregal. Erst verabschiedet sich Kawakami mit den hoffnungsvollen Worten „Bis nächstes Jahr im Frühling“, nun blüht laut Julia Kissina „Frühling auf dem Mond“ und demnächst wird Daniel Bakopoulos‘ flehentliches „Please don’t come back from the moon“ bei mir im Postkasterl landen. Der Zufall hat mir da ein interessantes Thema beschert.

Mond, das ist ein sehnsuchtsvolles weltentrücktes Wort. Unsere Protagonistin ist ausgewiesene Lunatikerin und beobachtet mit großen Augen den Zerfall ihrer Heimatstadt um sich herum. Während alles Alte verlöscht, entwächst sie mit jedem Jahr ihrer Kindheit. Wie Phönix aus der Asche steigt sie aus dem entrücktemn Kiew auf. Ihre morbide Faszination kündigt sich schon im ersten kurzen Kapitel an. Dort läuft man rasch von Betrachtungen über den Tod zur Zurschaustellung des zurück gebliebenen Leibes im anatomischen Theater zum Verschlingen von totem Fleisch über. Hier bekundet sich einer zum Vegetarismus, da das Verspeisen unserer „niedrigsten Brüder“ (S 142), den Schweinen, für ihn dem Kannibalismus gleich kommt. (Später erfährt man, dass dieser Person nach einem Infarkt bei einer geheimen und experimentellen Operation die Herzklappe eines Schweines eingesetzt wurde.) Dort kostet das Kind neugirieg und unwissentlischt die Asche einer verstorbenen Bekannten. Wir wohnen einer Hochzeit mit einem toten Schauspieler bei und hören von den Erwachsenen, wie sie über ihre Maschinengewehrkindheit sprechen.

Für mich war „Frühling auf dem Mond“ eine Begnung mit großen russischen Schriftstellern, wohl bekannter Geschichte und einem Schauplatz, über den ich zuvor nur bei Bulgakows „Weißer Garde“ gelesen habe. Die bezaubernste Eigenschaft dieses Buches ist aber sicherlich seine jenseitg leuchtende Sprache. Rasch findet man sich im selben Zustand wieder, in dem auch die Protagonistin sich ihre ganze Kindheit hindurch befunden hat – „gänzlich losgerissen von der Realität. Das aber war und ist die einzige Möglichkeit, das Leben wahrzunehmen, […] ein Zustand, in dem es unmöglich ist zu sterben.“  S 245

Julia Kissina: Frühling auf dem Mond. Berlin: Suhrkamp. 2013

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