Milena Michiko Flašar: Ich nannte ihn Krawatte

22. Juni 2013 § Ein Kommentar

Ich habe das Buch gekauft, mehr um des Autorennamens Willen, als wegen des Titels oder des Einbands auf dem ein paar hübsche Koifische im Nichts aneinander vorbei schwimmen. Dabei kenne ich die Autorin gar nicht – habe noch nie etwas von ihr oder über sie gelesen. Ich fand, in ihrem Namen verbirgt sich ein Geheimnis. Milena, das klingt griechisch, Michiko ist eindeutig japanisch und Flašar – ich dachte, vielleicht kroatisch-nein; ungarisch. Also hab ich es gekauft und als erstes die Autorenbiografie gelesen. Na sowas, Österreicherin, lebt in Wien. Hier bei mir!

„Ich nannte ihn Krawatte“ spielt in Japan. Die Erzählung dreht sich um einen jungen Mann, der jeglichen menschlichen Kontakt aufgegeben hat – auch den zu sich selbst. Das Buch beginnt mit einer ganz entscheidenden Veränderung in Hiros Leben. Zum ersten Mal seit Jahren geht er nach draußen. Der erste Ausflug fällt schwer. Ein Mensch rempelt ihn an; ihm wird schlecht. Er läuft hinüber in den Park um sich zu übergeben.
Von nun an geht er jeden Tag dort hin und lernt einen 58-jährigen Mann kennen, der seinen Job verloren hat. Er fährt tagtäglich in Anzug und Krawatte, die Aktentasche schwenkend, von zu Hause fort um seiner Frau nicht die Wahrheit gestehen zu müssen. Aber Hiro gegenüber tut er’s. Sie gestehen sich alles.

Man lebt nur einmal, heißt es, warum stirbt man so oft. S 124

Das Buch drückt die Stimmung. Es handelt davon wie viel ein Mensch ertragen kann – und was passiert, wenn er sich selbst nicht mehr ertragen kann. Beim Lesen hatte ich oft feuchte Augen und manchmal wollte ich das Buch zur Seite legen und rufen: „Aber das Leben ist doch so schön!“
Es ist kurz aber sehr gehaltvoll – sprachlich wie inhaltlich. Am besten gefiel mir der Schluss. Nicht weil ich des Lesens müde oder weil mir die Lektüre zuwider gewesen wäre – sondern weil es nach all dem traurigen Scheitern noch ein lebensbejahendes Versprechen gibt.

Milena Michiko Flašar: Ich nannte ihn Krawatte. Berlin: Wagenbach, 8. Auflage, 2013

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