Ulli Lust/Marcel Bayer: Flughunde

29. Juni 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Eine Graphic Novel bei Suhrkamp?! Daran kann man nicht vorbei gehen.

Marcel Bayer hat 1995 seinen Roman „Flughunde“ publiziert, der nun von der erfolgreichen Zeichnerin Ulli Lust als Graphic Novel umgesetzt wurde. Hier wird von den letzten Jahren des zweiten Weltkriegs erzählt. Dabei eröffnen sich dem Leser zwei Perspektiven: die des Herrn Hermann Karnau und der etwa vierzehnjährigen Helga. Herr Karnau ist Tontechniker und -forscher. Sein Job ist es, bei den aufhetzenden Reden der Nazifunktionäre die beste Tonqualität zu gewährleisten. Er ist unscheinbar, liebt die Dunkelheit und ist fasziniert von Flughunden – Tiere, die sich in der Dunkelheit aufhalten, wie er, und sich mit Hilfe von Schall in dieser Welt orientieren.

Herr Karnau dagegen kann in der Finsternis der Naziherrschaft nicht den rechten Weg finden. Er wird zum Tonforscher der Nazis und unternimmt absurde Experimente an lebenden Menschen. Er entfernt Kehlköpfe, jagt Stromstöße durch Stimmbänder und schiebt seinen Opfern Mikrophone in den Rachen um den Ursprung der Stimme zu entdecken. Er ist regelmäßig bei den obersten Rädelsführern der Nazis eingeladen und lernt so Helga kennen. Helga und ihre fünf Geschwister sind Kinder eines heute für seine Grausamkeit berühmten Ehepaares – aber für Helga sind sie bloß Mama und Papa. Ich persönlich kenne zwar die Namen, aber nicht die Gesichter der mächtigsten Nationalsozialisten (einmal abgesehen von Hitler). Da in der Graphic Novel die Namen von „Mama“ und „Papa“ nicht genannt werden, bewahrt sich Helgas Perspektive eine Unschuld, die im schrecklichen Kontrast zu Herrn Karnaus Gräueltaten steht. Die beiden werden sogar Freunde und verbringen die letzten Tage des Krieges gemeinsam im Führerbunker.

Der Roman Marcel Beyers legt einen starken Schwerpunkt auf Geräusche und Töne. Dies hat Ulli Lust ganz hervor ragend umgesetzt. Bombeneinschläge oder Maschinengewährfreuer sind häufig so laut, dass das Panel völlig vom Schriftzug verdeckt wird – das Bild dahinter ist nicht mehr zu sehen, die Sprechblasen unlesbar. Auch alltägliche Gegenstände, Tiere, Menschen machen lautmalerisch auf sich aufmerksam. Noch viel mehr als die omnipräsenten Geräusche hat mich die Darstellung von Stille beeindruckt. Unheilvolle Stille, die Stille vor dem Sterben, die Stille nach einem Mord – Bilder, die Gänsehaut initiieren. Während Herr Karnau häufig von Grau und Schwarz umgeben ist, wird die Welt der Kinder oft von sanften Orange- und  Rosatönen ausgefüllt, was die Gegensätzlichkeit dieser Perspektiven noch weiter verschärft. Ich habe das Buch von Marcel Beyer nicht gelesen, glaubt man aber Thomas Hummitzsch, so hat Ulli Lust den Inhalt noch besser dargestellt als Marcel Beyer in seinem Roman.

»Die Welt der Geräusche ist sehr viel größer, als wir uns vorstellen können«, heißt es dazu in Beyers Roman. Ulli Lust lässt uns mit ihrer Comic-Adaption diese Größe erahnen – nachhaltiger und treffender, als dies Beyer allein mit Worten vermochte.

Na, wenn das kein Lob ist.

 

 

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