Anna Katharina Hahn: Am Schwarzen Berg

4. Juli 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Ina Hartwig schreibt folgendes über diesen Roman:

Anna Katharina Hahn lässt die dunkle Seite der Romantik im heutigen Stuttgart auferstehen … ein meisterlicher schwarzer Roman.

Auf jeder Seite dieses Romans springen Tulpen aus der Erde, duftet es nach Jasmin, wiegen sich blühende Wicken im Wind. Hier strahlt dottergelb, erdbeerrot und grasgrün. Es ist Sommer im Schrebergartenvorort bei Stuttgart und obwohl ringsum alles im satten Leben steht, schaut es bei Familie Rau und Bub ganz finster aus. Der Sohn der Raus, Peter, ist wieder nach Hause zurück gekehrt. Sein gesundheitlicher und seelischer Zustand ist erschreckend. Der Vater, Arzt, verschreibt ihm sofort einen schweren Medikamentecocktail, weist eine strenge Diät an. Die Bubs stürtzen in eine ebenso tiefe Fassunglosigkeit und Angst wie die leiblichen Eltern. Selbst kinderlos, sehen sie Peter als ihren eigenen. Sie hatten erheblichen Einfluss auf seine Erziehung, haben ihm Geschichten erzählt, auf ihn aufgepasst, wenn die Eltern außer Haus waren, machten mit ihm Hausaufgaben, nahmen ihn auf Ausflüge mit, feierten sein Abitur.
Peter ist nun erwachsen und hat selbst Familie – eine Frau und zwei Söhne. Er arbeitet halbtags um mehr Zeit mit den Kindern verbringen zu können und die beiden Buben vergöttern ihn. Eines Tages packt die Mutter die beiden Kinder zusammen und verschwindet vollständig aus seinem Leben. Die Eltern haben den depressiven Peter gerade noch rechtzeitig im schimmelnden Hausrat gefunden, bevor er ihm eigenen Dreck verhungert wäre.

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Milena Michiko Flašar: Ich nannte ihn Krawatte

22. Juni 2013 § Ein Kommentar

Ich habe das Buch gekauft, mehr um des Autorennamens Willen, als wegen des Titels oder des Einbands auf dem ein paar hübsche Koifische im Nichts aneinander vorbei schwimmen. Dabei kenne ich die Autorin gar nicht – habe noch nie etwas von ihr oder über sie gelesen. Ich fand, in ihrem Namen verbirgt sich ein Geheimnis. Milena, das klingt griechisch, Michiko ist eindeutig japanisch und Flašar – ich dachte, vielleicht kroatisch-nein; ungarisch. Also hab ich es gekauft und als erstes die Autorenbiografie gelesen. Na sowas, Österreicherin, lebt in Wien. Hier bei mir!

„Ich nannte ihn Krawatte“ spielt in Japan. Die Erzählung dreht sich um einen jungen Mann, der jeglichen menschlichen Kontakt aufgegeben hat – auch den zu sich selbst. Das Buch beginnt mit einer ganz entscheidenden Veränderung in Hiros Leben. Zum ersten Mal seit Jahren geht er nach draußen. Der erste Ausflug fällt schwer. Ein Mensch rempelt ihn an; ihm wird schlecht. Er läuft hinüber in den Park um sich zu übergeben.
Von nun an geht er jeden Tag dort hin und lernt einen 58-jährigen Mann kennen, der seinen Job verloren hat. Er fährt tagtäglich in Anzug und Krawatte, die Aktentasche schwenkend, von zu Hause fort um seiner Frau nicht die Wahrheit gestehen zu müssen. Aber Hiro gegenüber tut er’s. Sie gestehen sich alles.

Man lebt nur einmal, heißt es, warum stirbt man so oft. S 124

Das Buch drückt die Stimmung. Es handelt davon wie viel ein Mensch ertragen kann – und was passiert, wenn er sich selbst nicht mehr ertragen kann. Beim Lesen hatte ich oft feuchte Augen und manchmal wollte ich das Buch zur Seite legen und rufen: „Aber das Leben ist doch so schön!“
Es ist kurz aber sehr gehaltvoll – sprachlich wie inhaltlich. Am besten gefiel mir der Schluss. Nicht weil ich des Lesens müde oder weil mir die Lektüre zuwider gewesen wäre – sondern weil es nach all dem traurigen Scheitern noch ein lebensbejahendes Versprechen gibt.

Milena Michiko Flašar: Ich nannte ihn Krawatte. Berlin: Wagenbach, 8. Auflage, 2013

Bis nächstes Jahr im Frühling

31. Mai 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

„Oh!“ Noyuri sog überrascht die Luft ein. Sie hatte nicht damit gerechnet, ihm schon zu begegnen, denn sie waren eigentlich vor dem Kaufhaus Wako verabredet. Warscheinlich findet er meine Reaktion übertrieben, dachte sie und bekam Schluckauf. Takuya marschierte wortlos vor ihr her. Bis zu ihrem ursprünglich vereinbarten Treffpunkt am Kaufhaus Wako drehte er sich nicht einmal zu ihr um. Erst als sie vor den blitzblank geputzen Schaufenstern ankamen, blieb er stehen. […] „Guten Tag“, sagte Noyuri versuchsweise, da Takuya so beharrlich schwieg. Es klang ein wenig gehemmt, denn sie hatte noch immer Schluckauf. eRst nachdem sie es gesagt hatte, fiel ihr auf, dass es schon fast sieben Uhr abends war. Ob sie sich korrigieren und lieber „Guten Abend“ sagen sollte?“ S 81

Quelle: Hanser Verlag

Ok, Hände hoch, wer hat erraten, dass es sich bei diesen beiden, Noyuri und Takuya, um ein Ehepaar handelt? Niemand? Wundert mich nicht. Noyuri aber sehr. Sie fällt aus allen Wolken, als sie erfährt, dass ihr Ehemann sie betrügt. Sie hätte es nie vermutet. Auch nicht, dass etwas in ihrer Ehe falsch läuft. Vielleicht ist „fällt aus allen Wolken“ ein zu starker Ausdruck. Eigentlich fällt sie in sich selbst. Noch tiefer als ohnehin schon. Sie hat sich kaum aus dem Haus bewegt, nachdem sie geheiratet hat. Ich tippe auf zuviel Angst vor der Außenwelt. Sie lässt sich leicht einschüchtern. Auch von einem Fahrkartenautomaten am Bahnhof. Noyuri braucht ein Jahr um sich darüber klar zu werden, wie es um ihre Ehe steht und vor allem darüber, was sie will. Will sie die Scheidung? Oder um ihren Ehemann kämpfen? Liebt sie ihn überhaupt?

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